Die deutschen Funknavigationssysteme
Im Herbst 1940, als die Luftwaffe von Tagesangriffen zu nächtlichen Bombardements britischer Städte (dem Blitz) überging, standen die deutschen Piloten vor einer großen navigationsbiologischen Herausforderung. Die Bombardierung einer verdunkelten Stadt bei Nacht aus großer Höhe war extrem ungenau, und die Bomben verfehlten ihre Ziele oft um Kilometer. Um dieses Problem zu lösen, installierte die deutsche Führung ein hochentwickeltes Funknavigationssystem mit dem Codenamen Knickebein. Dieses System nutzte zwei sich kreuzende Hochfrequenz-Funkstrahlen, die von Stationen im besetzten Europa gesendet wurden, um die Bomber im Dunkeln präzise zu leiten.
Das Knickebein-System arbeitete auf den Frequenzen des Lorenz-Blindlandesystems (ca. 30 MHz), wodurch die Bomber die Standardempfänger nutzen konnten, um die Existenz des Systems vor dem britischen Geheimdienst zu verbergen. Ein Sender strahlte einen breiten Leitstrahl entlang der Flugroute aus, während ein zweiter Sender einen Strahl sandte, der den ersten direkt über dem Abwurfpunkt kreuzte. Der Hauptstrahl wurde links mit Punkten und rechts mit Strichen codiert. Wenn der Pilot genau in der Mitte flog, verschmolzen die Signale zu einem Dauerton. Beim Kreuzen des zweiten Strahls empfing die Besatzung das Signal zum Bombenabwurf. So konnte die Luftwaffe Ziele bei Bewölkung und Dunkelheit mit hoher Präzision angreifen.
R. V. Jones und die wissenschaftliche Entdeckung
Die Entdeckung von Knickebein durch die Briten war vor allem das Verdienst des 28-jährigen Physikers Dr. Reginald Victor Jones, der in der Abteilung für wissenschaftliche Aufklärung des Luftfahrtministeriums tätig war. Bei der Analyse von Dokumenten aus abgeschossenen deutschen Bombern stieß Jones auf Erwähnungen von „Knickebein“ und Frequenzkoordinaten von Lorenz. Trotz der Skepsis hoher britischer Beamter, die glaubten, dass Radiowellen der Erdkrümmung über so große Entfernungen nicht folgen könnten, beharrte Jones auf seiner Theorie.
Um seine Vermutung zu belegen, überzeugte Jones die RAF, eine modifizierte Avro Anson mit einem Lorenz-Empfänger auszurüsten, um nach den deutschen Signalen zu suchen. In der Nacht zum 21. Juni 1940 fing das Flugzeug einen schmalen Funkstrahl auf der Frequenz 30 MHz ab, der direkt über England verlief und einen anderen Strahl über dem Rolls-Royce-Flugmotorenwerk in Derby kreuzte. Diese Entdeckung bestätigte, dass die Luftwaffe ein unsichtbares Netz von Radiowellen nutzte, um tief in britischem Gebiet zu navigieren. Dies war der erste physische Beweis für eine neue Art von Konflikt – den „Krieg im Äther“ (Battle of the Beams).
Operation Headache: Die ersten Gegenmaßnahmen
Sobald die Existenz von Knickebein bestätigt war, autorisierte Premierminister Winston Churchill sofortige Gegenmaßnahmen unter dem Codenamen „Operation Headache“ (Kopfschmerz). Jones und sein Team gründeten die No. 80 Wing RAF, eine Spezialeinheit zur Störung der deutschen Navigationssignale. Die Briten erkannten schnell, dass sie die deutschen Sender nicht an Leistung übertreffen mussten; es genügte, die Signalstruktur zu verändern, um die Piloten in die Irre zu führen.
Die Briten installierten schwache Sender mit dem Codenamen „Aspirins“, die zusätzliche Punkte oder Striche auf den deutschen Frequenzen sendeten. Dies verzerrte den Dauerton des Leitstrahls und täuschte den Piloten vor, sie seien vom Kurs abgekommen, obwohl sie richtig flogen, oder umgekehrt. Durch das Ablenken der Strahlen leiteten die Briten die deutschen Bomber von den Großstädten ab, sodass die Luftwaffe ihre Bomben auf freie Felder abwarf. Die Deutschen, die zunächst nichts von den Störungen wussten, wunderten sich darüber, dass die Besatzungen von Signalverzerrungen durch „mysteriöse atmosphärische Phänomene“ berichteten.
Die Evolution des elektronischen Krieges
Der Krieg im Äther entwickelte sich rasch zu einer wissenschaftlichen Schachpartie mit hohem Einsatz. Als die Deutschen erkannten, dass Knickebein kompromittiert war, führten sie komplexere Systeme ein. Das erste war das X-Gerät, das auf einer höheren Frequenz (ca. 70 MHz) arbeitete und mehrere Kreuzungsstrahlen zur automatischen Berechnung der Fluggeschwindigkeit und des Abwurfzeitpunkts nutzte. Die Briten antworteten mit Störsendern vom Typ „Bromide“. Später folgte das Y-Gerät, ein Einstrahlsystem, bei dem die Bodenstation die Entfernung des Flugzeugs per Signalrückwurf (Echoprinzip) maß. Die Briten neutralisierten es mit den Störsendern „Domino“, die die deutschen Signale empfingen und zurücksendeten, was die Entfernungsdaten auf den deutschen Bodenstationen verfälschte.
Bis Mitte 1941 hatten die Briten die Funkleitungen der Luftwaffe erfolgreich neutralisiert, wodurch die Nachtangriffe immer ineffektiver wurden. Der Krieg im Äther war die Geburtsstunde der modernen elektronischen Kriegsführung (EloKa). Er begründete den Zyklus aus Maßnahme, Gegenmaßnahme und Gegen-Gegenmaßnahme, der die heutige elektronische Kampfführung bestimmt. Die Arbeit von Dr. R. V. Jones bewies, dass Aufklärung und wissenschaftliche Analyse physische Bedrohungen neutralisieren können und dass der Sieg auf dem modernen Schlachtfeld ebenso von Wissenschaftlern im Labor wie von Soldaten im Feld entschieden wird.
| Deutsches System | Betriebsfrequenz | Prinzip des Systems | Britische Gegenmaßnahme | Effekt der Störung |
|---|---|---|---|---|
| Knickebein | ca. 30 MHz (Lorenz-System) | Zwei breite Leitstrahlen, Punkt/Strich-Ton zur Navigation | Aspirin | Aussendung falscher Punkte/Striche verzerrte den Leitstrahl-Ton |
| X-Gerät | 66 – 77 MHz (höhere Frequenzen) | Vier schmale Leitstrahlen, automatische Abwurfrechnung | Bromide | Störung des Tonsignals für den automatischen Abwurf |
| Y-Gerät | 42 – 47 MHz | Ein Leitstrahl, Entfernungsmessung per Transponder-Rückmeldung | Domino / Benjamin | Rücksendung des Signals täuschte falsche Entfernungen vor |